Upanischaden

»Was ist das also, wodurch man,13 Upanischaden
wenn Es einmal erkannt ist,
o Glückseliger, all das kennt, was existiert?«
(Mundaka Upanisad I,I,3)

Die Upanischaden repräsentieren die Urüberlieferung und bilden - als abschließender Teil der heiligen Veden - den Vedanta in seiner Essenz. Zusammen mit dem Brahmasutra und der Bhagavadgita bilden die
Upanischaden die »Dreifache Wissenschaft« Fünf Upanischaden
(prasthanatraya) des Vedanta.

Das Wort upanisad ist aus upa (nahe, bei) und nisad (sitzen) zusammengesetzt und bedeutet, nahe bei einem Meister zu sitzen, um eine Unterweisung zu empfangen.

In den Upanischaden ist eine Kultur weit zurückliegender Zeiten spürbar, und ihre Thematik wird eher auf synthetische als diskursive Art präsentiert.

Manche Upanischaden, wie die Isa Upansad und die Mandukya Upanisad, bestehen aus nur wenigen Seiten, behandeln jedoch ontologische und metaphysische Aspekte, die höchste und die nicht-höchste Erkenntnis, das Brahman als letzte Wirklichkeit und die Welt des Werdens. In ihnen werden Fragen über das überintelligible Sein, über das Nichtsein als samsara-Werden, über den atman als »Funken« des Brahman und über das Schicksal des Wesens dargelegt.

Die gesamte spätere spirituelle und philosophische Kultur bezieht sich auf die Upanischaden als Teil der Sruti, die ein direktes Wahrnehmen-Hören dessen ist, was die vedischen »Weisen« oder »Sehenden« (rsi) als göttlichen Klang empfangen haben.

Der Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) schrieb 1816, drei Jahre vor der Veröffentlichung seines Hauptwerkes Die Welt als Wille und Vorstellung in sein Manuskript: »Ich gestehe ..., dass ich nicht glaube, dass meine Lehre je hätte entstehen können, ehe die Upanischaden, Plato und Kant ihre Strahlen zugleich in eines Menschen Geist werfen konnten.«

Zehn Jahre später notierte er drei Worte aus den Upanischaden: »Tat tvam asi«. Diese Aussage, Tat tvam asi - Das bist du, gehörte für ihn zu den tiefsten Weisheiten der altindischen Schriften.

Wie stark beeindruckt Schopenhauer von den Upanischaden war, zeigt sich auch in den folgenden Worten: »Es ist die belohnendste und erhabenste Lektüre, die … auf der Welt möglich ist: sie ist der Trost meines Lebens gewesen und wird der meines Sterbens sein.«

Paul Deussen (1845-1919), Philosophie-Historiker, Indologe und Hochschulprofessor in Kiel, der – laut dem Indologen Helmuth von Glasenapp »ein begeisterter Verehrer Schopenhauers« war, übersetzte 60 Upanischaden aus dem Sanskrit ins Deutsche: Sechzig Upanisad's des Veda, aus dem Sanskrit übersetzt und mit Einleitungen und Anmerkungen versehen, erschienen unter Mitwirkung der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Berlin im Jahr 1897 im Verlag F.A. Brockhaus in Leipzig; seine Übersetzung verhilft Forschern verschiedener Fachbereiche bis heute zu wertvollem Quellenmaterial.

Die Upanischaden enthalten eine vollständige Lehre, aus dualistischen, monistischen, ritualistischen und rein metaphysischen Blickwinkeln dargelegt, die sich an Menschen richtet, die verschieden strukturiert sind und unterschiedliche Qualifikationen haben.

Somit bieten die Upanischaden Unterweisungen an, die zum Nachdenken, zur Meditation-Kontemplation und zum Gewahrsein dessen anregen wollen, was wir im gegenwärtigen Augenblick gerade sind. Das beinhaltet eine tiefgründige Umwälzung unseres Denkens, um uns wiederzufinden und um das zu sein, was wir wirklich sind.

Auf diese Weise kann das menschliche Wesen den Konflikten, Ängsten und Nöten entkommen, in die es sich begeben hat; Konflikte, die philosophisch bedeutsam sind, da sie helfen können, die Ursache der Probleme zu lösen.

Warum leidet der Mensch? Warum steht er in Konflikt mit sich selbst und den anderen? Warum gerät er in Zwietracht, die das eigene Gleichgewicht und das der anderen ins Wanken bringt?

Das Warum der Dinge zu erkennen ist eine philosophische Frage. Die Upanischaden nehmen dieses Problem in Angriff und präsentieren eine Lösung spiritueller, ritueller, philosophisch-kathartischer und metaphysischer Ordnung.

»Der Weise, Kenner des Brahman, beharre, nachdem er Es
erkannt hat, auf der [erworbenen] Erkenntnis und beachte
die Vielheit der Worte nicht mehr, denn sein Stimmorgan
ist erschöpft.« (Brhadaranyaka Upanisad IV,IV,21)